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Teil 1 von 5

Vom Anfang bis …

Begonnen hat alles damit, dass sich sechs engagierte Männer 1989 trafen, um die Aids-Hilfe Dresden aus der Taufe zu heben. 1989 war das Jahr, in dem die friedliche Revolution in der DDR den Weg zu einem vereinigten Deutschland ebnete. HIV und Aids spielten in der DDR keine große Rolle. 25 Personen mit Aids wurden 1989 offiziell von den Gesundheitsbehörden der DDR gezählt. Mit den offenen Grenzen und der Reiselust von Ost nach West und West nach Ost stieg auch die Sorge, dass das Virus die Chance hätte, das größte Kondom der Welt, nämlich die jetzt durchlässige Mauer zwischen den beiden deutschen Staaten, zu überwinden.

Die Aids-Hilfen in Berlin (die AIDS-Hilfe DDR und die DAH – Deutsche A.I.D.S.-Hilfe e.V. als Dachverband) unterstützten mit vielfältigen Angeboten das Engagement ostdeutscher schwuler Männer – so auch in Dresden. Letztendlich besiegelte der Eintrag ins Dresdner Vereinsregister im Oktober 1990 die Geburtsstunde des Aids-Hilfe Dresden e.V.

Die Vereinsgründer und die ersten Mitglieder legten die Ziele der Arbeit der Aids-Hilfe in einer Satzung fest. Feste Arbeitsfelder waren die Begleitung von Menschen mit HIV und Aids, ein Beratungsangebot sowie Prävention in verschiedenen Szenen. Alle Aufgaben wurden ehrenamtlich angegangen, denn die damals vorhandenen Strukturen in städtischen Behörden und Ministerien ließen eine finanzielle Unterstützung noch nicht zu.

Ihr erstes Domizil fand die Aids-Hilfe 1991 im Haus der Jugend auf der Wiener Straße 41. Das Haus war vor 1989 Sitz der FDJ Bezirksleitung und lag direkt gegenüber der Intertankstelle. Das Gebäude war vom Stadtjugendring übernommen worden und bot verschiedenen Gruppen Obdach. In einem kleinen, dunklen und spärlich ausgestatteten Zimmer nahm die Aids-Hilfe ihre ehrenamtliche Arbeit auf. Somit war die erste Beratungsstelle zu HIV und Aids in Dresden gegründet, noch lange vor der städtischen Beratungsstelle des Gesundheitsamtes.

Und das winzige Zimmer sollte nicht der letzte Standort der Aids-Hilfe sein. 1994 konnte die Aids-Hilfe in einen ehemaligen Kindergarten auf die Florian-Geyer-Straße in Johannstadt ziehen. Dort verfügte sie über mehrere Räume und ein großes Gartenareal. Das Erdgeschoss teilte sich die Aids-Hilfe mit der Jugend- und Drogenberatungsstelle des Gesundheitsamtes Dresden. Im Keller des Gebäudes, genauer gesagt im ehemaligen Luftschutzbunker, initiierte der damalige Streetworker regelmäßige Treffen von schwulen Männern, um gemeinsam Fetischpartys und Fetischtreffen durchzuführen. Aus dem sogenannten „Bunker“ entstand 1996 der Leder- und Fetischclub Dresden e.V., der heute seinen Sitz auf der Prießnitzstraße 51 hat.  1999 erfolgte der bisher letzte Umzug in die Räume der heutigen Beratungsstelle auf dem Bischofsweg 46.

Von Menschen für Menschen

Das rechtliche Konstrukt eines eingetragenen Vereines ist die zwingende Notwendigkeit, um staatliche Fördermittel und steuerliche Vorteile zu erhalten. Das war den Gründern der Aids-Hilfe von Anfang an klar, auch durch die Beratung der Aids-Hilfen in Berlin.

Aber diese Interessengemeinschaft wäre nichts ohne Menschen, die dem Ganzen Leben einhauchten. Wie schon 1989 sind und bleiben die ehrenamtlich Engagierten wichtigster Motor des Vereins. Von Beginn bis heute vertreten Ehrenamtliche in der Funktion als Vorstände den Verein nach Außen und führen die Geschäfte. In den 30 Jahren des Vereinsbestehens erfüllten insgesamt 18 Frauen und Männer diese verantwortungsvolle Aufgabe. Die Amtszeiten der Vorstände waren von sehr unterschiedlicher Länge. So gab es mehrheitlich Amtsperioden von 2 bis 4 Jahren. Aber auch eine Amtszeit von nunmehr 24 Jahren als Vorstandsmitglied zeugt von dem unermüdlichen Einsatz im Ehrenamt.

Auch bei der Erfüllung der selbst gestellten Aufgaben war und ist Ehrenamt nicht wegzudenken. In den Anfangsjahren lagen Beratung, Prävention und Begleitung auf ehrenamtlichen Schultern. Um sich das Know-How für die vielfältigen Aufgaben anzueignen, wurden erste Fortbildungsveranstaltungen der Aids-Hilfe in Berlin 1991 wahrgenommen. Dadurch konnte das Beratungstelefon ehrenamtlich bedient werden. Um dieses Beratungsangebot abzusichern, leitete die Aids-Hilfe 1994 eigens eine interne Schulung für Freiwillige in die Wege, damit diese nach der Ausbildung in den Abendstunden das Telefon bedienten und ratsuchenden Menschen Rede und Antwort stehen konnten. Die Beratung in den Abendstunden war oft frustrierend – das Telefon wollte einfach nicht klingeln.

1995 gründeten Ehrenamtliche in den Räumen auf der Florian-Geyer-Straße das Café Corner. Die Idee war, Freiräume für ehrenamtliches Engagement zu schaffen und einen regelmäßigen Treffpunkt zu organisieren. Dies taten die Freiwilligen hinter und vor dem Tresen. Das Café Corner änderte 1996 seinen Namen und hieß ab da Café Orange. Bis 1998 blieb das Café Orange bestehen. Ein neuer Versuch einen Treffpunkt außerhalb der Beratungsstelle zu schaffen, erfolgte 1999 mit der Eröffnung des Infoladens in dem gerade entstandenen Stadtteilhaus Äußere Neustadt auf der Prießnitzstraße 18. Beim Infoladen ging es nunmehr nicht nur um einen Barbetrieb, vielmehr war der Infoladen Anlaufpunkt für die Selbsthilfegruppe der Aids-Hilfe und diente gleichzeitig als kleine Videothek und Bibliothek für interessierte Besucher*innen. Aufgrund fehlender Finanzierung musste der Verein den Infoladen 2003 an den Gerede e.V. abgeben. Der Gerede e.V. unterhält bis heute eine Bibliothek in den ursprünglichen Räumen des Infoladens.

Freiwillige waren und sind bei vielfältigen Veranstaltungen Ideengeber*innen und tatkräftige Unterstützer*innen. Zu nennen sind hier beispielhaft der Welt-Aids-Tag, der seit 1988, in Dresden seit 1991, rund um den Globus am 1. Dezember an das Thema AIDS erinnert und dazu aufruft, aktiv zu werden und Solidarität mit HIV-Infizierten, Aids-Kranken und den ihnen nahestehenden Menschen zu zeigen. Aber auch der Christopher-Street-Day ist seit 1993 ein jährlicher Höhepunkt im Veranstaltungskalender der Aids-Hilfe, an dem ehrenamtlicher Einsatz gefordert ist.

Und noch drei besondere Projekte von Ehrenamtlichen sollen hier Erwähnung finden:

Mit der Stellenstreichung des Streetworkers wollten sich eine Reihe Freiwilliger nicht abfinden und gründeten 1996 eine Streetworkergruppe. Klar erkenntliche an neonfarbenen Warnwesten mit dem Aufdruck Aids-Hilfe Dresden ging die Gruppe in die Dresdner Schwulenszene, um zu informieren und Kondome zu verteilen. Die Gruppe löste sich Ende 1998 wieder auf.

Das Jugendprojekt d.a.s. (diverses – aids – sexualität) der Aids-Hilfe Dresden e.V. war ein Zusammenschluss von vier ehrenamtlich arbeitenden Jugendlichen im Alter von 18 bis 24 Jahren. d.a.s. hatte sich im Januar 2003 gegründet und sich zur Aufgabe gestellt, Jugendlichen altersgerechte Informationen über die oben genannten Themen zu vermitteln. Das Projekt erhielt in der Öffentlichkeit große Aufmerksamkeit über die Aktion „Keiner kann dich Hintern“. Die Fernsehsendung „Mach dich ran“ des MDR entdeckte das Projekt und begleitete es über einen längeren Zeitraum. In diesem Zusammenhang sponserten verschiedene Dresdner Geschäftsleute das Projekt. d.a.s. wurde aufgrund von Wegzug und Studium Ende 2004 aufgelöst.

Engagierte Frauen entwickelten 2017 das ehrenamtliche Projekt „Support your pussy“ und setzen es bis heute um. „Support your pussy“ versteht sich als ein neues Aufklärungs- und Bildungsprojekt der Aids-Hilfe Dresden e.V., das sich an jugendliche Mädchen* (einschließlich trans*- und intergeschlechtliche Menschen) im Alter zwischen 14 und 18 Jahren im Raum Dresden und Umland richtet. Das Projekt bietet sexualpädagogische Workshops zum Thema Frauen*gesundheit an.

Lange Zeit wurden die Ehrenamtlichen durch die hauptamtlichen Mitarbeiter*innen (die es seit 1991 gibt) begleitet und angeleitet. Schließlich entschloss sich der Vorstand 2005 einen Freiwilligenkoordinator einzusetzen, um die Hauptamtlichen zu entlasten und um den ehrenamtlich engagierten Menschen mehr Gewicht im Verein einzuräumen. Regelmäßige Treffen wurden und werden unter der Anleitung des Koordinators abgehalten, um Ideen zu spinnen und Einsätze zu planen. Ein Freiwilligenkoordinator erfüllt bis heute diese wichtigen Aufgaben.

„Wenn ich mit anderen über meine ehrenamtliche Arbeit rede, bekomme ich oft ‚Cool und wow, dass du das machst.‘ zu hören. Dabei engagiere ich mich aus ganz eigenen Gründen bei der Aids-Hilfe: Es macht mir Spaß und gibt mir Sinn. Ich habe großartige Menschen hier kennengelernt, lerne immer Neue und Neues kennen. Und ich merke, dass es neben Arbeitstrott und Alltag viel Größeres gibt, das es gilt anzupacken.“ (Thomas Müller, Freiwilligenkoordinator und Vorstand des Aids-Hilfe Dresden e.V.)

Geld zur Finanzierung von hauptamtlichen Mitarbeiter*innen gab es vom Freistaat Sachsen und der Kommune erst ab 1992. Der Landtag beauftragte den damaligen sächsischen Gesundheitsminister, eine Förderrichtlinie zu verabschieden, über die die vier Aidshilfen sowie die Aidsberatungsstellen des öffentlichen Gesundheitsdienstes in Sachsen finanziert werden konnten. Die Richtlinie wurde mit einer Millionen D-Mark pro Jahr ausgestattet.

Davor rief jedoch noch das Bundesgesundheitsministerium 1991 ein Modellprojekt zum Aufbau der Aidsprävention in den neuen Ländern ins Leben. Über dieses Modellprojekt konnte die Aids-Hilfe Dresden ihren ersten Mitarbeiter einstellen – einen Streetworker. Ein weiteres Programm der Bundesregierung ermöglichte es der Aids-Hilfe 1992 zwei weitere Mitarbeiter*innen einzustellen. Die Aids-Hilfe wurde zu einem sogenannten ABM-Träger (Träger für Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen). So gelang es dem Verein zumindest für begrenzte Zeit zwei Hauptamtliche zu beschäftigen, die der Beratungsstelle Strukturen geben konnten.

Auch die Kommune brachte zwei Richtlinien auf die Wege – sowohl das städtische Gesundheitsamt als auch das Jugendamt unterstützten die Arbeit der Aids-Hilfe. Mit diesen drei Geldgeber*innen der öffentlichen Hand gelang es dem Verein, Kontinuität durch Hauptamtliche in der Beratungsstelle zu erreichen. Immer wieder kam es aber auch zu Auseinandersetzungen zwischen der öffentlichen Verwaltung und dem Verein als Arbeitgeber. Im Jahr 1994 wurde der Zuschuss für den Streetworker auf Null gekürzt. Das Jugendamt zog sich im Jahr 2000 komplett aus der Finanzierung zurück und zeitgleich kündigte das Gesundheitsamt die Kürzung einer halben Stelle an. Nur durch eine beherzte Entscheidung des sächsischen Sozialministeriums konnte dieser Verlust ausgeglichen werden. Mit einem Modellprojekt „Prävention im Gefängnis und Prävention für schwule Männer“ wurde eine halbe Stelle für die nächsten vier Jahre finanziert. Erst im Jahr 2004 kehrte das Gesundheitsamt Dresden zu seinem alten Fördermodus zurück und förderte anteilig wieder zwei volle Stellen.

Ab dem Jahr 2008 änderte sich die Stellenbesetzung nochmals – diesmal zum Vorteil für die Aids-Hilfe. Denn ab da wurden und werden bis heute 2,5 Fachkraftstellen sowie eine halbe Verwaltungsstelle finanziert. Mit allen ABM-Maßnahmen, Projektstellen und Arbeitsplätzen in der Beratungsstelle beschäftigte die Aids-Hilfe bis heute insgesamt 28 Mitarbeiter*innen. Das aktuelle hauptamtliche Team der Beratungsstelle arbeitet in dieser Konstellation seit 2011 zusammen. Fortsetzung folgt…