Medikamentöse Therapie

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Gibt es eine Therapie gegen HIV?

Seit 1996 sind sehr wirksame Medikamente erhältlich, die die Vermehrung des Virus im Organismus unterbinden. Aus dem Körper entfernen können sie den Virus aber nicht. Es handelt sich also um eine Therapie, die das Fortschreiten der HIV-Infektion verlangsamt bzw. sogar stoppt, aber die Infektion selbst nicht rückgängig machen kann.

Die Therapie ist sehr teuer und kann von Nebenwirkungen begleitet sein. Da HIV ein Retrovirus ist und sich die Therapie dagegen richtet, wird sie auch „antiretrovirale“ Therapie (kurz: ART) genannt.

Sind HIV und AIDS jetzt heilbar?

Der heutige Stand von Wissenschaft und Forschung lässt es leider nicht zu, von einer Heilbarkeit der HIV-Infektion bzw. AIDS-Erkrankung zu sprechen. Immer wieder ist von bahnbrechenden neuen Medikamenten und Impfstoffen zu hören, die zu berechtigten Hoffnungen bei Betroffenen, Ärzten und Beratungsstellen führen.

Sehr oft halten diese Ankündigungen einer Überprüfung nicht stand, so dass Skepsis angebracht ist. Man kann sagen: „HIV und AIDS sind nicht heilbar, aber gut behandelbar geworden“.

Wie funktionieren die Medikamente?

Es gibt unterschiedliche Klassen von Medikamenten, die jeweils eine andere Wirkungsweise haben. Im Prinzip wird die Virusvermehrung an unterschiedlichen Punkten des Vermehrungszyklus blockiert. Um die Stärken der verschiedenen Wirkstoffe zu nutzen, werden in der Regel drei miteinander kombiniert. Man spricht daher von einer „Kombinationstherapie“. Dieses Vorgehen soll auch die Entstehung von Resistenzen des Virus verhindern.

Mittlerweile stehen über 20 Medikamente zur Verfügung und Wirkstoffe aus vier Klassen. Im Internet finden Sie weitere Informationen in hoher fachlicher Qualität, z.B. www.hiv-leitfaden.de und Deutsch-Österreichische Therapie-Richtlinien (Robert-Koch-Institut).

Sind Nebenwirkungen zu erwarten?

In einigen Fällen ist mit Nebenwirkungen zu rechnen, die die Lebensqualität der Patient/innen unterschiedlich stark einschränken. Kurzzeitnebenwirkungen wie Durchfälle und Kopfschmerzen gehen meist nach einigen Wochen zurück und sind gut behandelbar. Problematischer sind Langzeitnebenwirkungen wie Neuropathien.

Besonders belastend sind Störungen des Fettstoffwechsels (Lipodystrophie und Lypoatrophie), wodurch die HIV-Infektion bzw. deren Behandlung äußerlich sichtbar wird. Die Therapien können auch zu dauerhaften Organschädigungen führen. Einige Menschen mit HIV sterben mittlerweile sogar an langfristigen Wirkungen der Therapie (z.B. an Nierenversagen oder einem Herzinfarkt).

Vor Therapiebeginn sollte Sie Ihr Arzt ausführlich hinsichtlich der zu erwartenden Nebenwirkungen beraten und nach einer möglichst nebenwirkungsarmen Therapie suchen.

Wann beginnt man mit der Therapie?

Indikatoren für den Therapiebeginn sind die Zahl der CD4-Helferzellen und die Viruslast. Hinzu kommen persönliche Faktoren wie weitere Erkrankungen, momentane Lebenssituation und die Motivation zur Therapie.

Die Therapie ist nur dann wirksam, wenn sie regelmäßig eingenommen wird. Sie sollten sich daher vor Therapiebeginn ausführlich beraten lassen. Letztlich entscheiden Sie selbst nach Abwägung der Vor- und Nachteile über den Beginn der Therapie.

Einen Spezialfall stellt die akute HIV-Infektion dar. Hier gibt es Forschungsansätze, die bereits in den ersten 6 Monaten der Infektion eine Behandlung vorsehen. Allerdings muss diese Strategie noch genauer untersucht werden. Manche Studien konnten einen Nutzen nachweisen, andere wiederum nicht. Daher ist eine ausführliche Beratung durch einen HIV-Spezialisten unbedingt notwendig.

Dieses Vorgehen ist nicht identisch mit einer HIV-PEP, bei der bereits kurz nach dem Risikoereignis (bis max. 72 Stunden) Maßnahmen eingeleitet werden.

Was passiert bei unregelmäßiger Tabletteneinnahme?

Die unregelmäßige Einnahme der Medikamente ist eines der zentralen Probleme der Therapie. Da sich der Virus ständig vermehrt und dabei verändert ist es wichtig, die Wirkstoffspiegel im Organismus auf ausreichend hohem Niveau zu halten.

Andernfalls entwickeln sich sog. Resistenzen, das Medikament verliert seine Wirksamkeit. In Studien hat sich gezeigt, dass die Einnahmegenauigkeit bei mindestens 95% liegen sollte, damit die Therapie gut und langanhaltend Wirkung zeigt.

Wenn Sie Schwierigkeiten bei der regelmäßigen Einnahme der Medikamente haben, können Sie sich von Ihrem Arzt oder der Aids-Hilfe beraten lassen. Eventuell kann Ihnen Ihr Arzt eine Therapie empfehlen, die besser zu Ihrem Alltag passt.

Wenn es trotz Therapietreue nicht klappt?

Auch trotz regelmäßiger Einnahme kann eine Therapie versagen. Die Ursachen dafür können individuell sehr unterschiedlich sein und sollten untersucht werden. Sowohl zusätzliche Erkrankungen und Nebenwirkungen (Durchfall, Erbrechen) als auch Ernährung, Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten (z.B. Johanneskraut) und genetische Faktoren kommen infrage.

Lassen Sie sich nicht entmutigen und fordern Sie die Beratung durch Ihren behandelnden HIV-Spezialisten ein. Bei Problemen begleiten wir Sie gern.

Kann ich parallel zur Therapie etwas tun?

Hier können ergänzende oder „komplementäre“ Verfahren eingesetzt werden. Diese reichen von der Vitamingabe über Kräuter und Ernährung bis hin zu Sport, Psychotherapie und Traditioneller Chinesischer Medizin. Teilweise werden diese Verfahren auch als „Alternativmedizin“ bezeichnet. Eine wirkliche Alternative, die medikamentöse Verfahren ersetzen könnte, gibt es aber leider nicht.

Vielmehr sind komplementäre Therapien eine wertvolle Ergänzung. Sie lassen sich zur Erhaltung von Wohlbefinden und Fitness sowie bei zusätzlichen Erkrankungen oder Nebenwirkungen der Medikamente einsetzen. Im Kontext der HIV-Infektion müssen insbesondere Verfahren, bei denen Wirkstoffe aufgenommen werden (Kräuter u.a.), auf ihre Wechselwirkung mit der antiretroviralen Therapie hin überprüft werden.

Die Deutsche Aids-Hilfe hat dazu die Broschüre „Komplementäre Therapie“ veröffentlicht. Wissenschaftliche Quellen sind über die Datenbank www.cambase.de zugänglich.

Sind neue Medikamente in Sicht?

Pro Jahr kommen im Durchschnitt ein bis zwei neue Substanzen zur Palette der HIV-Medikamente hinzu. Generell ist die Entwicklung von immer neuen Medikamenten für viele Patient/innen überlebenswichtig – auch wenn diese neuen Substanzen nicht der große Durchbruch sind, sondern den alten ähneln. Denn jedes neue Medikament eröffnet Chancen für Menschen, bei denen die alten Präparate aufgrund der Resistenzentwicklung nicht mehr wirken oder die Nebenwirkungen unerträglich geworden sind.

Zuletzt hat der Fusionshemmer Fuzeon (vorher: T-20) die Palette der Wirkstoffe und auch Wirkstoffklassen erweitert. Problematisch an der täglichen Anwendung von Fuzeon ist die Verabreichung per Injektion unter die Haut (subkutan).

Warum sind die Medikamente so teuer?

Die Pharmaindustrie selbst begründet die hohen Preise für HIV-Medikamente meist damit, dass die Forschungskosten sehr hoch sind. Kritiker wenden dagegen ein, dass die Ausgaben für Werbung und Marketing doppelt so hoch sind wie die Forschungsausgaben.

Verschiedene Initiativen und auch Aids-Hilfen setzen sich mit diesem Thema auseinander. Eine der prominentesten kritischen Stimmen ist die BUKO Pharmakampagne, die sich auch im Bereich Pharmaindustrie und Dritte Welt engagiert.