“Manchen entgleitet ihr Leben”

Der Londoner Experte David Stuart über die Auswirkungen von Chemsex auf die schwule Community.

David Stuart ist anerkannter Experte für das Thema Chemsex. Der Forscher, Autor und Dozent arbeitet als Leiter des Bereichs Drogengebrauch in der Support Clinic von 56 Dean Street. Die Londoner Einrichtung hat sich auf die sexuelle Gesundheit und insbesondere das Testen von schwulen Männern auf HIV, HCV und andere sexuell übertragbare Infektionen (STI) spezialisiert. Im LhivFE-Interview erzählt Stuart, wie Chemsex die schwule Szene der britischen Hauptstadt verändert hat.

Seit wann sind GHB/GBL, Crystal Meth und Mephedron ein Thema in der Londoner Schwulenszene?

Crystal Meth, Mephedron und GHB/GBL kamen erstmals vor ungefähr 15 Jahren auf. Die neu entstandenen Netzwerke in den schwulen sozialen Medien und die Datingseiten im Internet haben die Beliebtheit dieser Drogen gesteigert. Anders als beliebte Partydrogen wie Ecstasy oder Kokain sorgen Crystal Meth, Mephedron und GHB/GBL vor allem auch für eine große sexuelle Enthemmung. Der Gebrauch dieser Drogen beim Sex wird als „Chemsex“ bezeichnet.

Im Rausch wird dann nicht immer auf Safer Sex geachtet. Darum nahmen die Infektionen mit HIV und STI zu. Auch die Ansteckungen mit dem Hepatitis-C-Virus (HCV) stiegen an, weil Spritzbestecke oder Röhrchen geteilt wurden. Bei vielen waren die Auswirkungen auf die Psyche immens. Es war notwendig, maß geschneiderte Angebote für schwule Männer zu entwickeln, die Chemsex haben. Die erste Einrichtung dieser Art war die ChemSex Support Clinic in der 56 Dean Street, mitten in Londons schwulem Szeneviertel Soho.

Wie unterscheidet sich euer Ansatz von anderen Einrichtungen der Drogenhilfe?

Das Konzept entstand als Reaktion auf die Bedürfnisse unserer schwulen Klienten. Sie wollten lieber mit ihrer vertrauten sexuellen Gesundheitsberatung über schwulen Sex und Drogen reden als mit einer herkömmlichen Suchteinrichtung, die meist von heterosexuellen Heroingebrauchern und Alkoholkranken aufgesucht wird. Jeder schwule Mann kann zu den Sprechzeiten vorbeikommen und sich schnell und anonym über einen Touchscreen anmelden. Dann können sie mit einem Berater über ihre Anliegen und Sorgen sprechen. Wir bieten auch Tests auf HIV, HCV und STI an. Sexuelle Gesundheit in ihrer Gesamtheit ist für uns ein ganz wesentlicher Teil von Gesundheitssorge.

Ab wann fängt ein Drogengebrauch an, problematisch zu werden?

Das lassen wir unsere Klienten selbst entscheiden. Dazu bieten wir ihnen einen Raum, die Vor- und Nachteile ihres Drogengebrauchs zu untersuchen. Viele haben am Wochenende Spaß am Konsum, aber merken nicht, wie ihnen ihr sonstiges Leben langsam entgleitet. Manche versäumen Arbeitstage. Andere fühlen sich den Rest der Woche depressiv und merken, dass der Drogengebrauch Folgen für ihre sexuelle Gesundheit hat. Sie entfremden sich von Freunden, der Familie, von allen Aktivitäten, die nicht mit Sex verbunden sind. Sie können Sex nicht mehr ohne Rauschmittel genießen. Manche verlieren die Kontrolle darüber, wie oft sie Drogen konsumieren. Und so kommt es häufig zu Überdosierungen.

33 von 874 Männern, die 2014 eure Beratung aufsuchten, waren bereits zum zweiten oder dritten Mal an Hepatitis C erkrankt. Hast du dafür eine Erklärung?

Beim Chemsex kommt es häufiger zu härteren Sexpraktiken. Die Sessions dauern über längere Zeiträume an. Bei Gruppenpartys kann es viele Sexpartner geben. Wenn dann noch gefistet wird, Toys zum Einsatz kommen und Röhrchen oder Spritzbestecke geteilt werden, ist das Risiko einer Ansteckung über winzige Blutmengen sehr hoch. Hepatitis C ist heute sehr gut behandel- und heilbar – eine deutliche Verbesserung gegenüber der Situation noch vor ein paar Jahren. Doch wenn ihre Patienten weiter Chemsex haben wollen, müssen die Ärzte mit ihnen über Safer Sex und Schadensreduzierung sprechen. Ansonsten stehen die Chancen, sich nach einer erfolgreichen Behandlung wieder zu infizieren, recht hoch.

Du hast in einem Vortrag mal gesagt, dass auch Normen in der schwulen Szene zur Ausbreitung von Chemsex beitragen. Wie meinst du das?

Viele unserer Klienten haben Abfuhren in Clubs, im Bett oder im Chat erfahren, weil sie nicht so aussehen, wie es dem schwulen Ideal anspricht oder ihr Körper nicht im Fitnessstudio gestählt ist. Andere sind abgelehnt worden, weil sie die „falsche“ Hautfarbe haben oder zu „feminin“ sind. Sie sagen, dass sie mit Drogen solche Zurückweisungen besser verarbeiten können.

Gehören für dich also Schamgefühle oder Selbststigmatisierung zu den Hauptfaktoren für Chemsex?

Es kann viele Gründe geben, warum sich schwule Männer für Chemsex entscheiden. Manchen geht es einfach nur um den Spaß. Oft kommen aber komplexere Dinge zusammen. Manche haben einen familiären, religiösen oder kulturellen Hintergrund, der ihnen sagt, dass schwuler Sex falsch oder unmoralisch ist. Manche finden es schwer, sich im nüchternen Zustand sexy zu finden oder ohne Drogen Intimität zuzulassen. Das passiert oft auch nach einer HIV-Diagnose: Viele Positive erzählen uns, dass sie im Bett nur noch an die Krankheit denken können.

Wie versucht ihr euren Klienten unter die Arme zu greifen?

Gemeinsam mit ihnen wollen wir herausfinden, wie sie sich ihr Sex- und Liebesleben wünschen. Dann versuchen wir, gemeinsam Wege zu finden, wie sich diese Wünsche im Alltag verwirklichen lassen. Wieder Freude am Sex ohne Drogen zu haben, kann ein Bedürfnis sein. Ich sage meinen Klienten: „Du bringst so viel mehr in eine erotische Situation ein als nur deinen Körper. Vieles ist sexy an dir. Es wäre cool, wenn du deinem Partner eine Chance gibst, all das kennenzulernen.”

„HIV ist o.k., aber Hepatitis C und du bist abgeschrieben”, hast du in einer Kolumne zu „Chemsex in der City“ geschrieben. Warum ist das deiner Meinung nach in der schwulen Szene so?

Hepatitis C ist eine hochstigmatisierte Krankheit. HCV-Positive werden als „Junkies” oder „Schlampen” ausgegrenzt. Manche User haben kein Problem mit HIV-positiven Sexpartnern. Männer mit Hepatitis C sind dagegen unerwünscht. Viele erzählen uns, dass sie gefühlt „unberührbar“ werden, wenn sie von ihrem HCV-Status erzählen. Im Kampf gegen das Hepatitis-C-Stigma gibt es noch einiges zu tun.

In deinem Text plädierst du für eine „schwule Brüderlichkeit” in der Community allgemein und unter Drogengebrauchern im Besonderen. Wie könnte sie entstehen?

Ganz einfach: Wenn wir umsichtiger miteinander umgehen – im Chat, in der Szene, im Bett. Wenn wir uns austauschen und offen dafür sind, von den Erfahrungen anderer schwuler Männer zu lernen. Wenn wir geschützte Räume schaffen, um miteinander unsere Verletzlichkeit, aber auch unsere Stärken zu teilen. Wenn wir schwule Szeneorte fördern, an denen nicht Rausch und Sex im Mittelpunkt stehen, sondern wo wir unsere Kultur und Geschichte feiern können. Menschlichkeit und Brüderlichkeit in schweren Zeiten zu finden, sollte schwulen Männern eigentlich leichtfallen. Wir brauchen uns dafür nur an die Aidskrise der 80er und 90er Jahre zu erinnern. Torsten Bless

In seinem persönlichen YouTube-Kanal gibt David Stuart in elf kleinen Videos Tipps für ein tägliches Leben mit Chemsex. Zu finden ist die englischsprachige Playlist unter bit.ly/david-stuart.

 

Das Interview erschien zuerst im Magazin „LhivFE – das etwas andere Magazin“. Wir danken der Redaktion und AbbVie Deutschland herzlich für die Erlaubnis zur Zweitveröffentlichung!

 

Vormerken Filmvorführung!

Wir zeigen den Film “Chemsex” (mit dtsch. Untertiteln) – in Kooperation mit dem Kulturverein kukulida und dem Projekt “Safer Nightlife”, 3. November 2016, 19 Uhr, kukulia e.V., Martin-Luther-Straße 1, 01099 Dresden. Gefördert durch das Sächsische Staatsministerium für Soziales und Verbraucherschutz, die Sächsisches Staatsministerin für Gleichstellung und Integration.

 

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Bild: © PRO-FUN MEDIA